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Bodo Zimmer Der Trödel-Robin Hood

Bodo Zimmer

Es ist Freitag, 9:30 Uhr. Vor einer großen Lagerhalle an der Dießemer Straße steht eine kleine Menschenschlange. Bis kurz vor zehn werden über 20 Leute hierher gepilgert sein. Krefelderinnen und Krefelder verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft. Manche kommen regelmäßig, andere haben erst kürzlich von diesem Geheimtipp gehört: Bodo’s Rampe. Ein Trödel-Mekka, ein wildes Gewimmel unterschiedlichster Kuriositäten, ein Ort, dessen Besitzer mindestens so voller guter Anekdoten steckt wie sein Lager voller Dinge.

Bodo Zimmer
Bodo Zimmer, Ex-Hockeyspieler und gelernter Textilkaufmann, heute Inhaber eines Entrümpelungsunternehmens mit eigenem Lagerverkauf, ist ein echter Krefelder und ein wahrhaftiges „Original“, stets ein Witz auf den Lippen und eine Fundgrube an Erinnerungen und Anekdoten im Kopf.

Man hört Bodos Stimme schon von weitem. Vergnügt kräht er – unverkennbar ‘ne Krieewelsche Jung – herzliche Begrüßungen, freche Witzeleien und ab und zu ein Preis durch die Tischreihen voller Tassen, Teller und Tand: „Ja komm, mach fünf Euro“. Augenzwinkern. Ein freundlicher Mann mit roten Wangen, breitem Grinsen und dicker Brille, dem man die 76 Lebensjahre bei Weitem nicht ansieht. Manchmal, wenn ihn die Laune packt, oder jemand signalisiert, dass er etwas Zeit und Neugier mitgebracht hat, fängt Bodo an, aus seiner Vergangenheit zu erzählen. So war das auch bei uns. Damals hatte ich keinen Block dabei. Diesmal schon, diesmal sind wir verabredet. Fragen braucht man nicht viel. Denn Bodo weiß, wie man erzählt.

Der gebürtige Uerdinger und Sohn eines Stoffhändlers ist nicht nur seit seinem siebten Lebensjahr leidenschaftlicher Hockeyspieler, der es als Mittelstürmer mit 17 Jahren sogar in die erste Mannschaft des CHTC schafft, sondern er absolviert nach der Schule auch eine Ausbildung zum „Technischen Textilkaufmann“ an der Krefelder Textilingenieurschule. Im Rahmen seiner Lehre lernt er alles über die handwerkliche Webarbeit, die Veredelung und Verarbeitung von Stoffen. Schon früh beginnt er, mit Kleidung zu handeln. „Damit hab ich schon als Schüler angefangen“, erzählt Bodo. „Ein Freund von mir war damals Vertreter bei Guitard. Die machten hochwertige Herren-Sweatshirts für die besten Boutiquen Deutschlands. Eines Tages sacht der zu mir: ‚Wir geben den Herrensektor auf, die kannse jetzt billig schnappen‘ – ‚Ja, wie viele sind das denn?‘ – ‚5.000 Stück‘. Er wollte pro Stück fünf Mark haben, in den Boutiquen kosteten die damals 29 Mark. Da dachte ich: ‚Super, kann ich die für 5 Mark kaufen, für 10 Mark verkaufen – das ist ein super Preis!“

Handschlag. Die Shirts werden zu Zimmers nach Hause geliefert. Da gibt es nur ein kleines Problem: Es sind nicht 5.000, sondern 50.000. „Die riefen an, als ich gerade in der Textilingenieursschule saß: ‚Ihre Mutter ist aufgebracht!‘ Da kamen gerade Container bei uns zu Hause an“, erzählt Bodo amüsiert. Sein Freund hatte sich wohl vertan. Mit finanzieller Unterstützung seines Onkels bringt er die nun erforderlichen 250.000 Mark auf. Jetzt gilt es, die Klamotten an den Mann zu bringen.

Bodo tingelt zu einigen Discos, die er kennt, staubt bei der Gelegenheit noch einen rosa Pontiac für 800 Mark von einem amerikanischen DJ ab, der zum Militärdienst einberufen wird, und fährt fortan alle wichtigen Adressen am Niederrhein ab: Clubs, Boutiquen, Großhändler. Bald kennen alle den einnehmenden jungen Mann mit rosa Sportwagen und Pferdeschwanz, der es schafft, immer neue, tolle Klamotten zu besorgen. Nach vier Wochen sind die Oberteile weg. Vom so erwirtschafteten Geld gründet er bald darauf seine eigene Modemarke „Miss Twen“, mit der er zunächst eine Rock-Kollektion herausbringt. Auch die platziert Bodo in kürzester Zeit in den umliegenden Modeläden. Frei Schnauze, aber verbindlich, alle Vereinbarungen per Handschlag besiegelnd, schafft es der frischgebackene Modeschöpfer zum Vertragslieferanten der viertgrößten deutschen Kaufhauskette.

Wer genau hinsieht, findet in Bodos Rampe verschiedene kleine Erinnerungen an seine Vergangenheit – als Hockeyspieler, ebenso wie als Modemacher.

„Miss Twen“ goes Horten

„Das Boston Tiffany war damals mein Stammlokal in Krefeld. Eines Tages kam so ‘ne Rothaarige rein. Hab ich mich neben die gehockt. Ich sach: ‚Hallo, ich bin der Bodo, und ich bin der Größte‘. Küsschen. ‚Hallo, ich bin die Gina‘ – ‚ Ach, Gina, dich hab ich ja noch nie hier geseh’n‘ – ‚Ich hab auch keine Zeit, bist du morgen auch hier?‘ Nächsten Tach trafen wir uns, und ich mach et kurz: Das war die Einkäuferin von Horten“, stellt Bodo die Szene nach. Wenn er erzählt, ist das wie ein gesprochener Comic. „Eines Tages bin ich dann nach Horten in den Zentraleinkauf. Dafür hab ich mich extra fein angezogen und die Haare geschnitten, das war damals ein großes Ding für mich. Da saß die Geschäftsleitung vor Kopf und gegenüber alle Einkaufsleiterinnen aus ganz Deutschland. Die habe ich erstmal alle begrüßt. Als ich fertig bin, sacht die Geschäftsleitung: ‚Sie hatten zehn Minuten Zeit, Herr Zimmer, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag‘. Da sach ich: ‚Entschuldigen Sie mal, wenn ich Sie begrüße, dann muss ich auch Ihre Mitarbeiter begrüßen. Da scheiß ich auf das Geschäft. Und übrigens: Für meine Kollektionsvorlage brauch ich nur eine Minute‘.“ So darf Bodo dann doch den Kleidersack aufmachen, seine Kollektion, Größentabelle und Farboptionen präsentieren. „Nach einer halben Minute hatte ich einen Auftrag über anderthalbtausend Röcke. So bin ich Vertragslieferant von Horten geworden“, lacht er vergnügt.

Die hohe Nachfrage zwingt ihn zur Expansion: Sein Lohnkonfektionär fährt die Produktion hoch, neben Röcken steht „Miss Twen“ bald auch für Blusen, Kleider und Kombimode. Bodos Team wächst auf 25 Mitarbeiter.

In Bodos Rampe findet man ein buntes Potpourri verschiedener Dinge. Platten, Gläser, hier ein alter Spielautomat, dort alte Krefelder Seidenkrawatten. Und natürlich: Möbel noch und nöcher.

Vom Modemacher zum Hausräumer

Doch irgendwann trifft ihn dasselbe Schicksal wie beinahe alle anderen Krefelder Textilbetriebe: Die Modehäuser beziehen ihre Ware mehr und mehr aus dem Ausland, die Aufträge werden weniger. Also muss Bodo wieder einmal findig werden. Eine Bekannte, die um Bodos Anpack-Mentalität und Verkaufsgeschick weiß, bittet ihn eines Tages darum, ein Haus für sie zu räumen, und dann geht wieder einmal alles ganz schnell: Bodo hat unter anderem zwei Bilder loszuwerden, die er einem Krefelder Kunst-Gutachter vorlegt. Nachdem sich die beiden gut verstehen, wird schnell eine erträgliche Vereinbarung geschlossen: Bodo räumt aus, der Gutachter darf wertvolle Kunst- und Möbel-Schätze bergen. Alles andere verkauft Bodo selbst.

Zwölf Jahre ist der einstige Textilunternehmer nun schon Hausräumer und Trödelhändler. Seit elf Jahren mit eigenem Verkaufslager, der bereits erwähnten „Rampe“, die inzwischen beliebter Anlaufpunkt für ein kleines, feines Händlernetzwerk ist, das Bodo auf der Suche nach besonderen Waren für den eigenen Verkauf konsultiert. Heute räumt Bodos Team täglich ein Haus oder eine Wohnung aus – entsprechend große Mengen kommen zusammen. Meist eine wilde Mischung aus Schrott, Trödel, Möbeln, Wohnaccessoires, Instrumenten und Tonträgern, Kuriositäten und Kleidung – hier und da sogar Weinflaschen – manches wertvoll, manches nicht.

Was die Leute an ihm schätzen, ist noch immer das gleiche wie früher: Verbindlichkeit, Handschlagmentalität, eine ehrliche, offene Klappe und gute Preise. Bodo ist keiner, der Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Er versteht, dass er Lebensräume betritt, die den damit verbundenen Menschen wichtig und kostbar sind. Das tut nicht jeder. Einmal kollidiert der Krefelder bei einem potenziellen Auftrag geradezu mit einem Kollegen aus Düsseldorf. „Der kam mit dem Transporter, links ‘ne Flasche Cola, rechts ‘ne Flasche Asbach, sagt zur Kundin ‚Hol mir mal ‘nen Glas, ich hab Durst‘ und zieht zwei Halb-Halb-Mischungen weg. Meine Konkurrenz ist oft keine Konkurrenz. Manche benehmen sich wie die Schweine“, berichtet er kopfschüttelnd. Aber auch über seine Kunden weiß Bodo einiges zu berichten, dosiert ihre Geschichten aber sehr besonnen, ebenso wie die eigenen. Manches verrät er seinen Zuhörern nicht. Mit dem, was er zu erzählen bereit ist, könnte er trotzdem ganze Hörbücher vollsprechen.

Hockey gespielt hat Bodo übrigens auch noch bis zu seinem 60. Lebensjahr, in seinem Stammverein, dem CHTC. Kürzlich wurde er für sein sportliches Engagement sogar von Vereinschef Dirk Wellen geehrt. Darauf ist er mindestens genauso stolz wie auf seine Bekleidungsfirma, deren Firmeneintragung am 25. April 1994, nach knapp 22 Jahren, wieder gelöscht wurde.

Um uns herum ist das Klappern, Klirren und Murmeln der Kunden inzwischen zu einem satten Geräuschteppich angeschwollen. In großen Einkaufstaschen verschwinden Teekessel, Gläser und Kerzen; es wird über Preise verhandelt. Nur Bodos Stimme tönt ab und an durch das Gewusel, während sich die Rampe deutlich leert. Bodos Pilgerschar, die jede Woche den Krefelder Trödeltempel und sein Original aufsucht, wird nicht kleiner. „Ich mache das hier hauptsächlich wegen der Kontakte“, sagt Bodo und lacht laut. „Aber ich fühle mich auch immer ein bisschen wie Robin Hood: Ich nehm’s den Reichen und geb‘s den Armen.“