Vor 50 Jahren, im Mai 1971, wurde die Zebra-Optik des Schwarz-Weiß-Hauses an der Moerser Straße beerdigt.

Esther Jansen

Beim Durchstöbern alter Fotoarchive findet man die ulkigsten Dinge. Ein solches Motiv weckte kürzlich meine Aufmerksamkeit: Ein Mann in Schwarz steht mit großem Sargkranz im Arm vor dem Schwarz-Weiß-Haus an der Moerser Straße. Links und rechts neben ihm zwei weiß gekleidete Anstreicher mit Pinsel und Farbrolle in der Hand. Wie ist denn das nun zu verstehen? Als ich den langjährigen Hausherren Hans-Dieter Oelgart spontan anrufe und auf die Bilder anspreche, weiß er sofort, was ich da gefunden habe: „Ja, dazu kann ich Ihnen was erzählen“, verspricht er amüsiert. Und eine Woche später darf ich erfahren, was die skurrile Szene zu bedeuten hat. Die Überstreichung der charakteristischen schwarzen Streifen des Wohnhauses und Antiquariats war seinerzeit Politikum und Presse-Hit in einem. Wie die Stadt dem Ehepaar Oelgart „gegen den Strich“ ging und warum das Streifenhaus heute nach wie vor seine auffällig Fassade zeigen darf, sei hier kurz erzählt:

 

Der Trauergast ist Grafiker und Künstler Theo Windges. An diesem Maitag 1971 beerdigt er eine seiner Ideen: das Design eines der heute bekanntesten Häuser Krefelds hat er sich ausgedacht. Hans-Dieter Oelgart, der das Gebäude wenige Monate zuvor gekauft hatte und dort seinen Antiquitätenhandel etablieren wollte, hatte Windges beauftragt, dem Gebäude einen besonderen Look zu verleihen, der die Aufmerksamkeit Vorbeifahrender auf sich ziehen würde.

Windges‘ Idee ist so schlicht wie genial: schwarze Streifen, die dem Gebäude den Spitznamen „Zebra-Haus“ einbringen. Dem Bauordnungsamt gefällt das Design allerdings überhaupt nicht. Baudezernent Albert Bsdok bezeichnet die Streifen als „schockierend“ und „aus dem Rahmen fallend“. Oelgart wird vor die Wahl gestellt, sie entweder zu entfernen oder sie am Haus zu lassen und sein Geschäft schließen zu müssen. Er weigert sich, und es kommt zur Anzeige.

Notgedrungen lassen die Oelgarts ihre geliebten Streifen überstreichen – mit entsprechender Publicity. Die Presse ist geladen, es gibt ein Fass Bier. Die Vertreter der Tageszeitungen beziehen klare Position pro Streifenoptik.  Und tatsächlich wird die Klage der Stadt vom zuständigen Düsseldorfer Gericht abgewiesen – ein erstes, ein zweites, ein drittes – und schließlich auch ein viertes und letztes Mal.

 

Die Düsseldorfer Juristen kommen zur endgültigen Beilegung des Streits eigens nach Krefeld und befragen die Insassen der vorbeifahrenden Buslinien nach ihrem Empfinden. Keiner stört sich an den Streifen. Und so können die Oelgarts den außergewöhnlichen Look dauerhaft behalten. Die Gerichtskosten trägt die Stadt.

Später, so erzählt Hans-Dieter Oelgart, habe er noch einmal das Gespräch mit Baudezernent Bsdok gesucht. Auf die Frage, warum er eigentlich so strikt gegen die Streifen gewesen sei, habe dieser erwidert: „Jung, de Striiepe sind misch janz ejal. Äwer fief Minütte vor dä Pensionierung, da setz isch misch kin Luus inne Pelz.“

 

Wir freuen uns, dass das Zebra-Haus mit seiner charakteristischen Fassade noch immer zu den interessantesten und bekanntesten Häusern der Stadt gehört.

 

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Esther Jansen

Über den/die Autor/in: Esther Jansen

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Tags: , , , , , 0 Kommentare on KRetrospektive 2021 #3: Beerdigung der Zebrastreifen – Als das Schwarz-Weiß-Haus übermalt wurdeVeröffentlicht am: 2. Juli 2021Zuletzt bearbeitet: 16. Februar 2023504 WörterGesamte Aufrufe: 781Tägliche Aufrufe: 32,8 Minuten Lesezeit

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