Die Hände liegen fest auf dem Lenkrad, die Augen sind auf die Fahrbahn gerichtet. Langsam drückt sich der Fuß auf dem Gaspedal nach unten, der Blick fokussiert ein Ziel, und der Wagen nimmt Fahrt auf. Immer schneller. Doch dann plötzlich ein lauter Knall. Der Motor qualmt, die Räder schleudern, das Fahrzeug gerät außer Kontrolle: Mit Vollgas gegen die Wand. „Ich werde das Gefühl nie vergessen“, beschreibt Ediz Yolcu. „Bei vollem Bewusstsein hatte ich auf einmal keinen Einfluss mehr auf meinen Körper. Mein Schaltsystem zwischen Kopf und Muskeln fiel einfach aus. Danach war alles anders.“ Wenn Yolcu vom besagten Tag vor zwei Jahren spricht, scheint die Metapher eines Autounfalls passend, befand sich der junge Mann auf der sprichwörtlichen Überholspur seines Lebens. Dann geht es aus voller Geschwindigkeit in den abrupten Stillstand: ein Schlaganfall trifft den jungen Krefelder mit gerade einmal 32 Jahren.
Ediz Yolcu wächst in der Krefelder Innenstadt auf. Während seine Eltern mit dem Umzug nach Deutschland schon vor seiner Geburt die türkischen Wurzeln hinter sich lassen, prägt vor allem die Familiengeschichte seines Vaters seine Kindheit. „Mein Vater wuchs in der Türkei auf und hatte neun Geschwister“, erinnert sich Yolcu. „Seine Eltern wünschten sich für alle ein besseres Leben, aber hatten nur das Geld, um genau ein Ticket nach Deutschland zu bezahlen. Das bekam mein Vater.“ Yolcus Vater stürzt sich in das deutsche Leben. Er zieht bei einer älteren Frau namens „Uti“ ein, hilft ihr im Haushalt und lernt im Gegenzug die deutsche Kultur kennen. Fleiß und Ehrgeiz prägen seinen Alltag: Mit einem Abschluss als Diplom-Textilingenieur in der Tasche kommt er in die Seidenstadt und gründet gemeinsam mit einer Schneiderin eine Familie. Ediz und seine Schwester Ebru werden geboren. „Ich war auf einer evangelischen Grundschule und saß als einziger Moslem im Religionsunterricht“, sagt Ediz Yolcu heute lachend. „Das beschreibt meine Familie eigentlich ganz gut: Wir sind stolz auf unsere Herkunft, aber Deutschland ist unser Zuhause.“
Die Werte seiner Familie geben auch den Weg vor, den der junge Mann nach seinem Abitur am Fichte-Gymnasium gehen soll. Er beginnt zu studieren. „Das war eben die Fahrtrichtung“, erinnert er sich und fügt augenzwinkernd hinzu: „Auf einer Rennstrecke gibt es ja auch keine Kreuzungen, oder?“ Aber im Ingenieurstudium fühlt sich der Hobbysportler nicht wohl. Die Fächer entsprechen nicht seinen Interessensgebieten, und auch der theoretische Zugang zu Fragestellungen liegt ihm nicht. Aus eigenem Antrieb entscheidet er sich, das Studium zu schmeißen und stattdessen unterschiedliche Praktika zu absolvieren, um eine passendere, eigene Fahrtroute zu entdecken.
„Für mich war das eine schwierige Zeit, denn mit dieser Entscheidung hatte ich das Gefühl, meiner Familie in den Rücken zu fallen“, erinnert er sich, „Ich stand unter Druck und kannte eben nur, dass man sich über Leistung beweist.“ Mit Anfang 20 beginnt er eine Ausbildung bei der Spedition Sefl in Mönchengladbach-Neuwerk und schließt sie in verkürzter Zeit mit Bestnoten ab. Während die Weltwirtschaftskrise in anderen Branchen ihre letzten Auswirkungen spürbar werden lässt, bietet Klaus Sefl, Yolcus Chef, dem Jungspund eine ungewöhnliche Chance an. „Klaus wollte für mich bürgen und mir zu einem ersten LKW verhelfen. Er sah mich damals schon in der Selbstständigkeit“, erinnert sich der Krefelder. „Aber ich habe mich nicht getraut. Das aufgegebene Studium wirkte noch nach; ich brauchte einfach noch ein bisschen.“
Also entscheidet sich der junge Mann für den konservativen Weg. Über eine Zeitarbeitsfirma gelangt er zu Cargill, wird übernommen und klettert hier Stück für Stück die Karriereleiter hoch. Eigenständig beginnt er ein berufsbegleitendes Studium im Bereich „Business Administration“ und arbeitet sich parallel zum Studium zum „Account Manager Sales“ hoch. Über 210.000 Tonnen Vital-Gluten vertreibt er in dieser Zeit jährlich an Großkonzerne, unter anderem nach Amerika, nach Asien oder in den mittleren Osten. Der Beruf gibt ihm Selbstvertrauen, und eine Begegnung an Weihnachten mit seinem ehemaligen Chef, Klaus Sefl, aktiviert eine alte Idee in ihm. Mit einem Fahrer und einem LKW gründet Yolcu neben seiner Manager-Stelle bei Cargill und in Absprache mit seinem früheren Arbeitgeber seine eigene Firma, Rufus Logistik. „Freizeit hatte ich damals nicht, aber ich wollte nicht stehenbleiben“, erinnert er sich. „Ich wollte es mir und meiner Familie beweisen. Da war eben keine Zeit, um durchzuatmen.“ Ist er nicht in der Firma, versucht er, sich fit zu halten. Denn, so ist der junge Mann überzeugt, körperliche Fitness beeinflusst das eigene Standing im Beruf. Schon immer begleitet der Sport deswegen sein Leben. Als Jugendlicher bis zu einer Verletzung auf dem Basketballfeld geglänzt, trainiert er jetzt Psyche, Motorik und Kraft beim funktionellen Training in der Halle von Coach Mic Bongers in Krefeld-Oppum.
„Ja, und dann kam dieser eine Tag in 2018“, sagt er und sein sonst so offenes Gesicht verändert sich. „Der nahm alle Geschwindigkeit aus mir.“ Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere. Yolcu hetzt sich aus der Firma auf die Trainingsfläche. Drei Wochen hat er gerade im Betrieb seinen Chef vertreten. Er begrüßt den Coach, trainiert ganz normal, trinkt danach noch ein Bierchen mit seinen Sportkollegen und macht sich anschließend auf den Weg zu seinem Auto. Schon beim Einsteigen merkt er, dass sich seine Beine schwach anfühlen, er schiebt das Empfinden auf das vergangene Training. Aber während er sich auf dem Fahrersitz niederlässt, beginnt sein Kreislauf zu kollabieren. Zuerst kann er seinen Mund nicht mehr bewegen, dann spürt er seinen Rücken nicht mehr, kann die Finger nicht regen. Obwohl die Fahrertür noch offensteht, scheint ein Hilferuf unmöglich. Yolcu versucht, den Kopf auf die Hupe fallen zu lassen, aber auch diese Bemühung scheitert. Nach Minuten des Ringens gelingt es ihm irgendwie, einen Notruf über das Handy abzugeben. „Ich werde diesen Moment nie vergessen“, beschreibt er. „Ich war bei vollem Bewusstsein, aber völlig unfähig, irgendetwas zu tun. Mein Körper und mein Geist, die sonst so gut funktionieren, gehörten nicht mehr mir.“
Erst rund 24 Stunden später verstehen die Ärzte im Krankenhaus, was Yolcu zugestoßen ist. Diagnose: Schlaganfall. Eine Woche wird der junge Mann auf der Intensivstation behandelt, wird dann noch für einige Zeit auf die normale Station verlegt. Yolcu selbst braucht Tage, um den Ernst der Lage zu begreifen. Denn von der sportlichen Statur des Krefelders, von seiner überdurchschnittlichen motorischen Fähigkeit, ist nicht mehr viel sichtbar. „Ich konnte nicht mal mehr alleine laufen“, erinnert er sich und verzieht den Mund. „Auch das Reden klappte nicht mehr wirklich, und mein Erinnerungsvermögen war völlig weg. Ich habe mich so geschämt.“
In einem Gefüge, in dem ein Mann durch Leistungsfähigkeit wahrgenommen wird, ist der vorher so erfolgreiche 32-Jährige auf einmal völlig unsichtbar. Yolcu hat nicht nur seine Fähigkeiten verloren, sondern vor allem das Vertrauen in die eigene Person. Die Zweifel sind so stark, dass er sich völlig zurückzieht. „Meine Familie, meine Freunde und auch mein Coach Mic vermittelten mir Sicherheit “, erinnert er sich. „Aber vor allem mein Hund Rufus gab mir Stabilität.“ Der stellt keine Fragen, braucht den jungen Mann aber dennoch irgendwie. Denn er muss bewegt werden, muss zum Gassigehen vor die Türe. Mit seiner Hilfe findet Yolcu in den Alltag zurück. „Als ich beim ersten Joggingversuch stürzte und mir das Gesicht aufschlug, war er dabei“, sagt er schmunzelnd und berührt das Fell des Mischlings. „Er leckte mir durchs Gesicht und vermittelte mir, dass ich wieder aufstehen soll. Er war mein Antrieb.“
Mit viel Ehrgeiz und Ausdauer bringt sich Yolcu zurück. Aber die Tage in der selbstgewählten Isolation verändern ihn. „Ich wollte auf einmal nicht mehr Teil einer Leistungsgesellschaft sein“, erklärt er. „Ich wollte dafür sorgen, dass Menschen gesehen werden, egal welchen Background sie haben.“ Trotz emotionaler Diskussionen mit seiner Familie, vor allem mit seinem Vater, kündigt Yolcu seine Stelle bei Cargill und baut Rufus Logistik aus. Mit Wertschätzung und Respekt begegnet er seinen Mitarbeitern, mit Ehrlichkeit und Fairness seinen Kunden. „Ganz ehrlich, wir müssen nur einmal überlegen, wie wichtig Fahrer für unsere Versorgungsstruktur sind“, beschreibt er. „Warum sollen sie weniger wert sein als jemand, der ein Studium abgeschlossen hat?“
Heute leitet Yolcu 20 Mitarbeiter vom Standort am Mies van der Rohe-Businesspark. Gleichzeitig steht er in den Startlöchern, Krefelds erste Bildungsakademie für Kraft- und Berufsfahrer zu gründen, die im kommenden Jahr ebenfalls am gleichen Standort an den Start gehen wird. Und dann möchte er noch den „Rufus Club“ auf die Bildfläche holen, eine Halle, die sich mit unterschiedlichen Sportangeboten vor allem dem funktionellen Training widmet. „Ich merke auch jetzt manchmal noch die Auswirkungen des Schlaganfalls, ich bin zum Beispiel vergesslich“, beschreibt er. „Aber am Ende hatte er auch irgendwie seinen Sinn. Ich drücke nicht mehr das Startpedal eines fremden Wagens; ich bin heute mein eigener Antrieb.“
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