Die Orgel wurde zum Instrument des Jahres 2021 gekürt. Heinz-Peter Kortmann ist Organist und Kantor und hat sich dem Instrument früh verschrieben. Was den Reiz der Orgel für ihn bis heute ausmacht und warum sie gerade in diesen schweren Zeiten den Menschen Trost spendet.
Majestätisch erhebt sich die Pfarrkirche St. Cyriakus über Hüls. Vor ihr erstrecken sich der Markt und die angrenzenden Häuser. Aus den 150 Jahren ihres Bestehens in dem beschaulichen Krefelder Stadtteil könnte das Gotteshaus viele Geschichten erzählen – wenn es denn sprechen könnte.
Die innere Stimme der Kirche
Still ist die Kirche im neogotischen Stil dennoch nicht. Im Inneren befindet sich ihr ganz eigenes „Sprachrohr“ – eine gigantische Orgel, deren Pfeifen in die Höhe schießen und deren Klang einem den Atem raubt. Heinz-Peter Kortmann ist es, der das Kircheninnere mit Orgelklängen belebt. Eine innere und äußere Ruhe zeichnet den Organisten aus. Lauschende Zuhörer blendet er aus. Wer Kortmann in Aktion erlebt, merkt, dass er und die Orgel eine Einheit bilden. Nach Jahrzehnten des Spielens beherrscht er das gigantische Instrument virtuos und kann es nahezu blind zu jeder Tages- und Nachtzeit spielen. Seine feingliedrigen Finger bewegen sich in sicheren, schweifenden Bewegungen über die Tasten der Manuale. Dennoch bedeutet das Orgelspielen eine Menge Kopfarbeit. Es brauche Übung und vor allem Geduld, wie er sagt. „Man muss sich auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren, beide Hände und auch die Füße müssen unabhängig voneinander agieren, und hin und wieder muss eine Hand frei bleiben, um zu registrieren oder zu blättern“, erklärt der große schlanke Mann mit den klassischen „Pianistenhänden“, der seit November 2016 seinen Arbeitsplatz in St. Cyriakus hat.
In düsteren Filmen werden Organisten oft als Eigenbrötler dargestellt. Das Bild des verschlossenen Menschen, der nur seine Orgel und nichts anderes kennt, ist tatsächlich bis heute in vielen Köpfen vorhanden. Heinz-Peter Kortmann durchbricht dieses Klischee. Sein Charme und seine jugendliche Lockerheit haben nichts mit der fast nerdigen Fantasievorstellung zu tun. Mit Jeans und Sakko wirkt der Familienvater sportlich und weltoffen. An den Moment, als er zum ersten Mal an einem Tasteninstrument saß, kann Kortmann sich noch heute genau erinnern: „Es war gegen Ende meiner Grundschulzeit. Ich bin in Menden im Sauerland aufgewachsen und dort auch zur Kirche gegangen. Dort hatte ich zum ersten Mal im Grundschulalter die Möglichkeit, an einem Harmonium zu spielen und war vom Instrument sofort begeistert. An einer großen Orgel habe ich erst später gesessen.“
Ein vielfältiges Instrument
Musik spielt in Kortmanns Leben seit jeher eine große Rolle. Ursprünglich lernte er Klarinette und spielte Saxofon in der Blaskapelle seines Heimatortes. „Die Orgel hat mich aber nie losgelassen, weil sie für mich komplett war. Es ist ein Orchester für sich, und das ist es, was mich bis heute an dem Instrument fasziniert“, beschreibt er. Ähnlich ist es mit der ersten Liebe. Ist sie einmal ins Leben getreten, bleibt die Erinnerung an sie ein Leben lang bestehen. Das Studium der katholischen Kirchenmusik in Aachen mit dem Abschluss des A-Examens und der anschließenden Studienzeit in Düsseldorf, in der er sich ganz der Orgel widmete, war selbstverständlich für ihn. Später ging er nach Paris, um beim Organisten Jean-Paul Imbert französische Orgelsymphonik zu studieren. Danach führte es Kortmann nach Utrecht zu Peter van Dijk. Dort widmete er sich der Alten Musik. Darüber hinaus besuchte er in der Vergangenheit verschiedene Meisterkurse.
Obwohl er schon lange in seinem Beruf arbeitet und halb Europa als Organist bereist hat, hat der Krefelder noch Wünsche. „Ein langgehegter Traum von mir ist es, an der Orgel im Dom von Passau zu spielen“, verrät er. In der bayerischen Stadt steht die größte Kirchenorgel der Welt, die 1928 erbaut wurde. Dennoch prägt ihn bis heute ein ganz besonderes Erlebnis, das nicht jedem zuteilwird. „Ich habe an der Orgel der Notre Dame gespielt, bevor sie abgebrannt ist. Das war ein unbeschreibliches Gefühl, das kaum in Worte zu fassen ist.“ Frankreich und speziell Paris haben bis heute eine lebendige Orgelszene.
Die Orgel vermitteln
Viele interessante und bekannte Komponisten widmeten der Orgel eigene Werke, die immer wieder gespielt werden. Langeweile kommt dabei nicht auf. „Ich bekomme vielmehr einen neuen Zugang zu Stücken, die ich nach langer Zeit erneut spiele. Das ist beispielsweise bei Orgelwerken von Johann Sebastian Bach der Fall. Generell gibt es viele tolle Stücke für die Orgel, die mich bis heute begeistern.“ Diese Begeisterung möchte er teilen. Deshalb sieht er sich auch ein wenig als „Kämpfer“ für den Erhalt der Orgel: „Ich möchte nicht, dass die Meinung entsteht, Kirchenorgeln seien verstaubt und hätten mit der heutigen Zeit und Lebensweise nur noch wenig zu tun.“
Deshalb bringt er Grundschülern das Instrument näher – und das nicht etwa nur mit Kirchenorgelstücken. „Ich bin den vergangenen Jahren immer wieder in die Grundschulen mit einer Orgel gegangen, die man selber zusammenbauen kann“, erzählt Kortmann. Anhand dieser Do-it-yourself-Methode könnten die Kinder genau sehen, wie das Instrument technisch funktioniert. Darüber hinaus erkennen sie, welche Taste zu welcher Pfeife gehört. „Nach eineinhalb Stunden hat man dann eine Orgel mit zwei Oktaven gebaut, und die Kinder wissen, wie sie funktioniert.“ Kortmanns Anliegen ist es, dass die Kinder einen ehrlichen Zugang zu allen Instrumenten haben. Seine Vorgehensweise hat sich bei den Schülern bewährt. Das Interesse an der Orgel sei bei den Kindern auf jeden Fall vorhanden.
Umso mehr freut es ihn, dass die Orgel 2021 zum Instrument des Jahres gekürt wurde. „Daran sieht man, dass die Königin der Instrumente nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat“, freut sich der Kantor. In einer digitalen Welt, die mehr und mehr kurzweiliger und schnelllebiger wird, sei es wichtig, auch Konstanten zu haben. „Das trifft auf die Orgel zu einhundert Prozent zu.“ Und vielleicht zieht sie deshalb auch in Coronazeiten die Menschen an.
Glaubensbotin und Konstante
Aufgrund der Pandemie und der damit verbundenen Unsicherheit, sehnen sich viele Menschen nach einem Halt. Orgelmusik könne dabei helfen. „In den vergangenen Wochen habe ich es immer wieder erlebt, dass durch die Orgelmusik oder durch die Kirchenmusik generell der Zugang zum Glauben einfacher wurde. Es gibt auch viele Besucher, die durch die Musik angesprochen werden und ohne sie möglicherweise nicht zum Gottesdienst kommen würden“, erzählt Kortmann.
In St. Cyriakus ist es leer. Da sind nur Heinz-Peter Kortmann und die Klänge der Orgel. „Wenn keine Gottesdienste stattfinden, genieße ich den Moment, allein zu sein“, erzählt er, „doch ich möchte den Menschen durch die Musik ein wenig Kraft und Freude in diesen schweren Zeiten schenken.“
mehr kredo, mehr lesen – weitere interessante Inhalte
Zum stöbern
Ein zufälliger Beitrag aus unserem Fundus: