Franz Mestre ist Schauspieler, Regisseur, Autor, Musiker, Theatertausendsassa – aber noch vieles mehr. Sein Steckenpferd ist der Perspektivwechsel, sei es in Impro-Shows oder als Unternehmensberater mit seinem Pivoting Business.

Für seine Tätigkeiten wünscht sich Franz Mestre die Wirkkraft eines Schmetterlingseffekts: „Ich möchte einen kleinen Impuls geben, gleich dem Flügelschlag eines Falters, aus dem sich Enormes entwickeln kann. Das gilt für das Theater oder andere künstlerische Arbeiten ebenso wie für mein Engagement in Unternehmen. Gerade mit letzterem würde ich gerne noch viel mehr für die Zufriedenheit der Menschen in unserer Region bewirken.“

Montagmorgen. Eigentlich nicht ,meine Zeit‘. Aber heute bin ich verabredet mit einem Menschen, der mich als kultur- und theateraffine Krefelderin gefühlt mein ganzes Leben lang begleitet. Oder zumindest sein Schaffen, denn bislang haben sich unsere Wege in der persönlichen Begegnung nicht gekreuzt. Franz Mestre. Ein Name, der unweigerlich einen Kosmos aus Impro-Theater, innovativen Musik-Events und zahlreichen anderen Kreativideen am Horizont aufgehen lässt. Viele Fragen zu eben diesem warten darauf, beantwortet zu werden, und ich freue mich auf unser Gespräch. Doch es kommt ganz anders, denn schon bald merke ich, dass ich eingeladen werde zu einer rasanten Fahrt auf Franz Mestres Gedankenkarussell. Ich werfe mein Konzept für diesen Artikel also über Bord und steige bereitwillig ein.

Geschichte, Wirtschaft, Politik, Digitalisierung, Klimawandel, Erziehung, Menschliches, Allzumenschliches – und immer wieder der Weg zur Bühne, zum Bühnengeschehen und vor allem zurück ins reale Leben. Es scheint kaum ein Thema zu geben, das wir nicht streifen. Mal nur an der Oberfläche kratzend, mal Abgründe erforschend. Spätestens in der dritten Karussellrunde bemerke ich das Wesentliche, das alle Ausführungen, Schilderungen, Standpunkte verbindet: das Suchen nach Struktur und bei dessen Auffinden deren sofortiges Reflektieren. Sei es im dramaturgischen Transfer einer historischen Begebenheit zur Gegenwart, im Mitarbeiter-Coaching eines renommierten Unternehmens oder in den tagtäglichen Herausforderungen des Vaterseins – das, was Franz Mestre umtreibt, ist der Perspektivwechsel. „Dass wir in der Lage sind, uns selbst zu jedem Zeitpunkt zu verlassen, unsere Sichtweisen zu hinterfragen, Meinungen zu überdenken, den Blickwinkel eines Gegenübers einzunehmen, das macht uns als Menschen doch aus im Verhältnis zur Maschine, zur künstlichen Intelligenz aus. Dass wir nicht nur aus zwei Polen – Ja und Nein, Eins und Null – wählen können, sondern aus allem dazwischen“, konstatiert er selbstbewusst. Und zwar im tatsächlichen Wortsinne, was heißt, dass er auch in dem Moment, in welchem er diese These ausspricht, sich seiner selbst bewusst ist und darum weiß, dass auch von dieser ausgehend andere Perspektiven eingenommen werden können.

„ICH DENKE ZUERST DEN RAHMEN,
UM IHN ANSCHLIESSEND ZU FÜLLEN.“

Mein ursprünglicher Fragen-Kosmos ist längst wieder am Horizont verschwunden und ich stehe stattdessen vor einer Schaubühne, auf der es zugeht wie in einem Taubenschlag. Denn Franz Mestre ist zugleich so viel anderes, dass es ein Jammerspiel wäre, der Vielfalt seiner Themen, die auftreten, miteinander in Diskurs geraten, abtreten und von wiederum anderen abgelöst werden, nicht den ihr gebührenden Raum zu geben. Ich fühle mich an Dramentheorien erinnert, in denen die Motivation einer Handlung als Zusteuern auf Konflikte und deren Lösung beschrieben wird. Gar nicht so weit hergeholt, wie ich sogleich feststellen darf. Als ,Theatertier‘ par excellence kennt Franz Mestre sämtliche Abläufe innerhalb der Schöpfung eines Bühnenwerks wie seine Jackentasche. Autor, Regisseur, Bühnenbildner, musikalischer Leiter, Schauspieler – kaum eine Perspektive der Theaterpraxis, die er nicht einnehmen kann, während er zeitgleich mit Leichtigkeit durch den Theoriefundus eines studierten Geisteswissenschaftlers wandelt. Diesen reichen Erfahrungsschatz im inszenierten Konfliktmanagement nutzt er auch abseits der Bretter, die die Welt bedeuten, nämlich für ein Rollenspiel an einem Ort, an dem wir alle eine uns qua Vertrag zugewiesene Rolle spielen: am Arbeitsplatz. „Das Reibungspotential zwischen den Mitarbeitern aus verschiedenen Generationen ist heute so groß wie noch nie“, beschreibt er seine Beobachtungen aus zahlreichen Coachings. „Da ist es enorm wichtig, sich in die anderen hineinversetzen zu können.“ Daher komme er als Berater nicht in die Gruppe, um ihr zu erklären wie man sich angemessen verhält, betont Franz Mestre: „Ich schaffe einen sicheren Raum, innerhalb dessen ich Situationen aus verschiedenen Perspektiven erstelle. Wir simulieren. Was dann geschieht, ist Überzeugungsarbeit, kein Theaterspiel. Es ist Analogtraining für zwischenmenschliche Werte mit der Mission, Humor walten und neue Ideen entstehen zu lassen. Distanz in einen Konflikt zu bringen, Fehler einzugestehen und als Lösung eine Fehlerkultur zu etablieren, die mit Lachen zu tun hat.“

„Machen ist das, was bleibt.“

Hier spricht es wieder, das ,Theatertier‘, das den Perspektivwechsel als Sport betreibt. So wundere ich mich nicht, dass Franz Mestre als Sinnbild für sein Agieren innerhalb der so genannten VUCA-World – einem Akronym der Wörter volatility (Unstetigkeit), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit) –, in der die heutigen Märkte sich schnell und mitunter radikal ändern, ausgerechnet den Pivot-Schritt des Basketballs anführt: „Hierbei muss ein Fuß fest an einem Punkt bleiben, der andere darf rundherum jeden beliebigen Platz einnehmen, um von dort aus den nächsten Spielzug zu starten. Pivoting Business nenne ich dieses Prinzip: Ein Fixpunkt öffnet einen Möglichkeitsraum für Entscheidungen in Veränderungsprozessen. Und wenn man diesen Punkt vorher verlassen muss, heißt es: Lernen, mit dem Unvorhergesehenen umzugehen – das heißt lernen, zu improvisieren.“ Also verhält es sich doch wie im Kreativprozess eines Theaterstücks? „Eigentlich mache ich immer das Gleiche“, lacht Franz Mestre, was wahrscheinlich daran liege, dass er in Spanien geboren, aber in Krefeld aufgewachsen sei.

„Meine Motivation, Kunst zu machen, ist das Risiko, dass ich am Anfang nicht weiß, wie es hinterher ausgeht“, beschreibt Franz Mestre die Intention für alle seine Projekte. Ganz besonders gilt dies für seine Passion der ImproShows, in denen der Redefluss mit Publikumsinteraktion auf die Spitze getrieben wird. Hier tummelt er sich in den kommenden Wochen auf Krefelder Stadtgebiet mit einem Workshop für alle, die Spaß am Spontantheater haben oder mehr darüber lernen möchten. Dieser findet statt am Samstag, den 18. November 2023, ab 10.30 Uhr im FREIRAUM 21. Besondere Akzente im Jahr des 650. Stadtjubiläums werden auch die Veranstaltungen „Masters of Impro – history“ im Südbahnhof sein, eine Showreihe, zu der er Gäste aus ganz Deutschland einlädt und mit denen er sich jeweils 65 Minuten lang von Momente, Orten oder ähnlichem aus der Krefelder Stadtgeschichte inspirieren lässt. Die Termine hierfür sind am 24. November 2023 sowie am 15. Dezember 2023, jeweils um 20 Uhr.

„Der Perspektivwechsel zwischen zwei Welten macht mich wohl aus!“ Wieder tangiert unser Gespräch die Theorie des Geschichtenerzählens, in welcher den Protagonisten der Ruf zum Abenteuer ereilt. „Die herausfordernde Frage ist immer: ,Nehme ich das Abenteuer hin – oder nehme ich es an?‘“, fasst er zusammen, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass dem Annehmen immer der Moment der Selbstreflexion innewohne. Dem Franz Mestre-Kosmos zu begegnen, ist eine so geartete Herausforderung an meine eigenen Blickwinkel, ein Abenteuer, das ich annehme und das mich mitreißt. Ich mache mir innerlich eine Randnotiz, dass Franz Mestre mit all seinen Gedanken, seiner Eloquenz und der Körpersprache eines Menschen, der das Theaterwesen ,mit Löffeln gefressen‘ hat, mir etliche Perspektiven auf sein Wesen erlaubt hat, zwischen denen zu wechseln Höchstleistungssport ist. Aber einer der humorvollen Art. Und es reift in mir die Erkenntnis, dass ich einem Menschen begegnet bin, der nicht einfach, sondern viel ist – und dessen Perspektiven nicht mit den verfügbaren Kapazitäten eines Portraits zu erfassen sind. Mit Blick auf die Uhr und auf die maximale Zeichenzahl muss ich die Fahrt im Gedankenkarussell jäh beenden. Und kann nicht glauben, dass immer noch Montagmorgen ist.

Über den/die Autor/in: Christine Lauter

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Tags: , , , , , , , , , 0 Kommentare on FRANZ MESTRE LEBEN & MACHEN FÜR KUNST & KULTURVeröffentlicht am: 16. November 2023Zuletzt bearbeitet: 16. November 20231248 WörterGesamte Aufrufe: 23Tägliche Aufrufe: 26,2 Minuten Lesezeit

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