„Na, Schatzi”, hallt eine sonore Männerstimme durch das Tin’s am Großmarkt. Normalerweise wäre diese liebevolle Begrüßung gefolgt von einem lächelnden „Lass dich drücken“ aus Lothar Strückens bartumrahmten Mund gekommen, aber während der aktuellen pandemischen Ausnahmesituation darf der dreifache Vater seine typisch herzliche Art nur verbal ausüben. Lothar, der mit seiner Frau Tin im eigenen Restaurant kocht und seit vielen Jahren als Pressefotograf arbeitet, ist in Krefeld so bekannt wie ein bunter Hund. Und dank unzähliger Tattoos auf den Armen mindestens ebenso farbenfroh. Ein Charakterkopf, der aus Krefeld nicht wegzudenken ist und mit seiner Einstellung genau das vertritt, was die Seidenstadt braucht: Mut zum Neuen und ein Bewusstsein für den Wert der Gemeinschaft.
Dank seines beruflichen Werdegangs kennt Lothar Krefeld wie seine Westentasche. Schon im Jugendalter fing er an, seine ästhetischen Sinne für die Linse zu schärfen, bald durfte er für die Tageszeitung auf Motivjagd gehen. „Ich habe mir mein erstes Mofa mit Pressefotos verdient, mit fuffzehn. Ja, und irgendwie wächst man da rein. Eines Tages ging ein städtischer Pressefotograf in Rente, so konnte ich innerhalb kürzester Zeit zum hauptberuflichen Fotojournalisten aufsteigen.“ Es folgten Angebote von der BILD Zeitung, später bot sich die Rheinische Post Mönchengladbach an. Irgendwann wurde die Stelle des Fotojournalisten bei der RP Krefeld frei – und Lothar mäanderte dorthin, wo er sich wohlfühlte. „Immer freiberuflich, versteht sich. Dann ging irgendwann der große Axel Gayk – der WZ-Fotograf in Krefeld – in Rente, und ich wurde sein Nachfolger“, erinnert er sich. Seither knatterte Lothar auf seinem geliebten Motorrad als „das Auge“ der Presse überall dorthin, wo die Stadt in Bewegung war.
Getreu seinem Motto: „Offen für Veränderung sein und sich trotzdem treu bleiben“, betätigt sich der gesellige Krefelder jedoch nicht nur an der Kamera, sondern seit 2002 auch als Gastronom mit eigenem Tapas-Restaurant am Großmarkt. Als das kulinarische Geschäft immer mehr Aufmerksamkeit verlangte, nahm Lothar sie sich. „Ich habe damals gemerkt, dass ich im Laden mehr präsent sein muss. Der ging abends ja durchaus bis zwei Uhr, und um halb zehn ging morgens die Redaktionskonferenz los, vor der ich noch einkaufen und Bürokram erledigen musste. Dann den ganzen Tag auf Abruf sein zum Fotografieren; das ging irgendwann nicht mehr“, bemerkt er trocken und fügt hinzu: „Aber es war eine schöne Zeit, ich habe viele Leute kennengelernt und bin dadurch in Krefeld auch relativ bekannt geworden.“ Das merkt auch Lothars Familie – allen voran seine Kinder, die regelmäßig mit der Floskel „Ist dein Vater nicht der…?“ begrüßt werden.
Fortan befasste sich der Krefelder mehr und mehr mit der spanisch-inspirierten Gastronomie am Großmarkt. Doch Lothar und Tin wären nicht Lothar und Tin, hätte nicht auch das Tapas irgendwann einen neuen Anstrich bekommen. Eine Veränderung, die das Paar in kürzester Zeit energisch umsetzte. „Wir wollten das Abend- gegen das Mittagsgeschäft tauschen. Da haben wir uns überlegt, das Catering, was wir im Kleinen eh schon gemacht haben, auszuweiten – und aus der Tapasbude wurde `ne Stullenbude“, erzählt Lothar, immer wieder unterbrochen von fröhlichen „Hallos“ und „Wie issets“ in Richtung eintrudelnder Gäste. Binnen weniger Wochen wurde das Tapas vor knapp zwei Jahren zu ‚Tin’s Stullenmanufaktur‘ umgestaltet, in der das Paar heute kunstvolle Schnitten und sättigende Mittagsgerichte serviert.
Anfangs vor allem als „Master of the Meat“ für das beliebte Pulled Pork und das Chili con Carne im eigenen Lokal zuständig, wurde Lothar über die letzten 24 Monate mehr und mehr zum „fotografierenden Koch“ und Gute-Laune-Kellner des Tin‘s. Auf die Frage, ob er als bekennender „Learning by Doing“-Typ nun zum Selfmade-Sternekoch werden wolle, antwortet er mit seinem altbekannten donnernden Lachen: „Um Himmels Willen, nee. Schön normal bleiben.“ Man könnte „normal“ in diesem Zuge auch einfach mit „bodenständig“ oder „locker“ übersetzen. Und das ist er, trotz Harley, seines auffälligen New Heritage-Kleidungsstils und einer Vorliebe für gute Brandys und Zigarren. Am Ende des Tages ist Lothar gerne Gastgeber und zu Gast bei Freunden. Gemeinschaft und ein ausgewogenes Geben und Nehmen sind ihm wichtig. Diesen Geist wünscht er sich auch für seine Heimatstadt.
Wenn abends am Großmarkt ein lautes Knattern ertönt, hat Lothar Strücken seine Harley gestartet. Das bedeutet: Feierabend. Manchmal geht der Traarer mit seiner Kamera noch auf Erkundungstour, wenn er die Schürze abgelegt hat – dann sammelt er vor allem Naturmotive wie Blumen, Landschaften und Tiere auf seiner Speicherkarte. Seine Art, die eigene Heimat immer neu zu erleben – und lieben zu lernen.
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