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Elmar Welge Vom Gelegenheiten-Ergreifen

Elmar Welge-Bed-In-Kredo 1_2022

Entscheidungen treffen wir alle jeden Tag: Was wir essen, was wir anziehen, wann wir ins Bett gehen. Diese Routine-Entscheidungen laufen praktisch automatisch ab und machen uns keine Schwierigkeiten. Anders ist es, wenn sich ungeahnte Gelegenheiten ergeben. Hier gibt es die einen, die lieber alles beim Alten lassen, und die anderen, die beherzt zugreifen und schauen, was draus wird. Elmar Welge – einer von zweiterer Sorte – hat dank einer guten Mischung aus mutiger Neugier und gutem Timing nicht nur die berühmteste „Boyband“ aller Zeiten getroffen, sondern Beatles-Mitglied John Lennon als einziger deutscher Fotograf bei seiner Bed-in-Performance im März 1969 begleiten dürfen. Seine Geschichte zeigt, dass Gelegenheiten, die man beim Schopfe packt, nicht nur ganz besondere Erinnerungen hervorbringen, sondern manchmal auch den beruflichen Lebensweg entscheidend prägen können.

Wie frühe Einflüsse einen findigen Menschen machen

Wie wir mit anfallenden Entscheidungen umgehen, wie selbstständig wir uns mit sich verändernden Bedingungen und den eigenen Interessen auseinandersetzen, liegt auch in unserer Erziehung begründet. Elmar Welge hat schon früh gelernt, was Findigkeit bedeutet: von seinem Großvater. Der war Viehhändler und handelte hauptsächlich mit Ferkeln. „Von ihm habe ich mitgenommen, wie man den Tag einläutet, wie man ihn beendet. Wie man mit Freunden umgeht und wie man Geschäfte macht“, erzählt der schlanke Brillenträger am Esstisch seiner geschmackvoll eingerichteten Altbauwohnung. Sein Großvater habe es verstanden, Kompromisse zu finden, die das Ergebnis erzielten, das er sich wünschte, ohne die andere Seite dabei zu übervorteilen. Das muss Welges Gespür für sich ergebende Möglichkeiten geschärft haben.

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Elmar Welge

Welges Vater wiederum prägte früh die Neugier des Jungen für die Fotografie. Als privater Bildberichterstatter im Krieg klebte er seine fotografischen Zeitdokumente in umfangreiche Alben ein, die sein Sohn Elmar mit Begeisterung durchstöberte. Und als er die Faszination seines Kindes bemerkt, überlässt er ihm seine alte Kamera. Mit diesem Geschenk umzugehen, lernt Elmar Welge von den gegenüber wohnenden Nachbarn, Willi und Martha – „Onkel“ und „Tante“ – Stünings, die nach der Schule auf ihn aufpassen. „Der Willi war ein Foto-Narr“, meint Welge, und das Paar habe es sich zur Aufgabe gemacht, die Talente ihres kleinen Schützlings zu fördern. Als Familie Welge aus der alten Wohnung aus- und aus der Nachbarschaft der Stünings wegzieht, schenkt auch Onkel Willi dem fotobegeisterten Elmar zum Abschied eine Kamera. Der Anfang einer Sammlung, die über die Jahre immer größer werden soll.

Mit seiner alten Kamera ausgerüstet, geht Elmar auf Motivjagd und lernt bald den Redaktionsleiter der RP, Herrn Rieling, kennen, dem der Jugendliche – da kommt das Verhandlungsgeschick des Großvaters zum Vorschein – seine Bilder prompt für die Zeitung anbietet. „Der sagte ‚Mensch, du, deine Bilder finde ich toll. Du gehst ja nah ran an die Szenen – und die Geschichten sind interessant. Mach mal weiter so!‘ Da war ich fuffzehn. Der Rieling hat mich gepusht und mich wirklich zum richtigen Fotografieren gebracht“, erinnert sich Welge stolz.

Als  Assistent bei Charles Wilp, damals bekannt für seine exzentrischen Werbefotos und -filme, lernt Elmar Welge in den 60er Jahren das Handwerk der Mode- und Werbefotografie. „Wilp war ein Vorbild für mich, weil er so ein Allroundtalent war. Früher war der Fotograf auch der Kreativdirektor, der sagte, wie ein Produkt fotografiert wird, wie es verkauft und präsentiert werden sollte“, erinnert er sich. Ein „Allrounder“ wird auch Elmar Welge später werden.

Dennoch stürzt sich der junge Mann nach seiner Assistenzzeit nicht in die Werbebranche, sondern verbindet seinen Traumberuf mit einer anderen Leidenschaft, um weiter für die Lokalzeitung als Fotoreporter zu arbeiten: Im Jazzkeller macht sich der Teenager an die Konzertfotografie. „Ich war auf Musik fixiert, das war der Nährboden, aus dem ich geschöpft habe. Samstags in den Jazzkeller, Fotos machen, montags Geld kriegen“, erinnert er sich. Über ein befreundetes Nachbarsmädchen wird Elmar Welge in dieser Zeit auf die Beatles aufmerksam. „Ich habe ihr Beatles-Platten gekauft und die mit ihr angehört. Irgendwann wollte ich sie mir auch mal live angucken. Die kamen nach München“, erinnert er sich.

Im Privatzug mit den Beatles

Als nicht-akkreditierter Fotograf muss Elmar Welge in der bayerischen Hauptstadt jedoch feststellen, dass an die Band kein Rankommen ist. Er will schon wieder nach Hause fahren, als er erfährt, dass die „Pilzköpfe“ am nächsten Tag im Sonderzug nach Essen sitzen werden. Und Elmar Welge ergreift wieder eine Gelegenheit. Als blinder Passagier, versteckt im Küchentrakt, fährt er mit. Erst als der Zug eine Weile unterwegs ist, verlässt er seinen Posten, um die Band aufzusuchen.

Gerade als er John Lennon und Paul McCartney in die Arme läuft und sich mit ihnen bekannt macht, wird der junge Fotograf von einem Mitarbeiter des Bauer-Verlags, Herausgeber der BRAVO, entdeckt. „Der wollte mich ‚bei nächster Gelegenheit absetzen‘. Da meinte John ‚Der gehört zu mir‘“, erzählt Welge. Allerdings lässt sich der Konkurrent vom großen Teenie-Blatt nicht ganz so leicht abwimmeln. Er nimmt Elmar Welge einen nicht unerheblichen Teil seines bisher geschossenen Bildmaterials ab und zwingt ihn so, sich etwas anderes einfallen zu lassen.

Ausgestattet mit neuen Filmen, versucht Welge bei einer Pressekonferenz in Essen noch einmal sein Glück. Die Abzüge schickt er später John Lennon per Post zu. Sein Päckchen bleibt drei Jahre lang unbeantwortet.

Bed-in im Hilton

Aber John Lennon vergisst den jungen Fotografen nicht. „Eines Morgens, früh um fünf, halb sechs, klingelte bei uns zu Hause das Telefon. Das war der Manager von John Lennon“, erzählt Welge. „Der Elmar solle mal nach Amsterdam ins Hilton Hotel kommen. Er wird der einzige deutsche Fotograf sein, den wir einladen. Das ist eine Revanche für die 300 Bilder, die er vor drei Jahren geschickt hat.“ Das lässt Elmar Welge sich nicht zweimal sagen. Im Opel Olympia brettert er mit Vollgas nach Amsterdam.

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Foto: Simon Erath

Die Bed-in Performance gehört noch heute zu den wohl bekanntesten Friedens-Aktionen der letzten Jahrzehnte, die Bilder des schönen Pärchens mit den langen dunklen Haaren im Pyjama inmitten weißer Kissen und Decken sind ikonisch. Gut möglich, dass der ein oder andere unserer Leser schon mal eines von Welges Motiven in der Zeitung oder im Fernsehen gesehen hat.

„John sagte mir: ,Bleib so lange du willst, du bist eingeladen‘“, erzählt der Fotograf, während ihn von der gegenüberliegenden Wand drei eben jener Porträts von John und Yoko anblicken. Zwei Tage sei er da gewesen. Und während alle anderen Pressevertreter lediglich kurze Zeit-Slots mit dem berühmten Pärchen zugesprochen bekommen, darf Elmar Welge in dem Zimmer, das täglich neue Berühmtheiten aus der Friedensbewegung besuchen, ein und aus gehen, wie er will. „Ich bin deshalb auch mit der Einzige, der von der Aktion eine umfangreiche Farbfoto-Strecke gemacht hat. Das konnte ich nur, weil ich genug Zeit hatte, die Filme zu wechseln.“

Dieses Erlebnis prägt Elmar Welge. Noch heute organisiert er nicht nur Ausstellungen, sondern auch Lesungen zur Bed-in-Performance. Die Bilder verkauft er in limitierten Sonderauflagen. Eine Serie ist besonders beliebt, denn sie ist nicht nur sehr klein, sondern lässt Raum für Spekulationen: Genau wie seine erste Beatles-Serie schickt Elmar Welge auch Abzüge der Amsterdamer Performance postalisch an John Lennon. Nach einigen Jahren trifft bei dem Fotografen unangekündigt und ohne Absender ein Briefumschlag ein. Die Bilder sind darin, zerrissen. Wieso er sie in dieser Form zurückbekam, weiß auch Welge nicht genau. Es soll ja eine Geliebte John Lennons gegeben haben… Aber das bleibt alles Spekulation. Welge hat die Stücke wieder zusammengesetzt und gerahmt.

Ein Tausendsassa

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Foto: Simon Erath

Die Beatles-Geschichte ist mit Sicherheit die größte, aber bei Weitem nicht die einzige Gelegenheit, die der Krefelder ergriffen und für sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt hat. Während er fotografiert, eröffnet er als Mittzwanziger eine eigene kleine Werbeagentur, entwickelt unter anderem Kampagnen für Gleumes und organisiert zum hundertjährigen Jubiläum ein dreitägiges Straßenfest. Jemand von der Lufthansa aus Düsseldorf ist vor Ort und vom Konzept so angetan, dass eine 18-jährige Zusammenarbeit mit Fokus auf Veranstaltungsplanung entsteht. Unter anderem richtet Elmar Welge Events für Prominente aus Politik und Wirtschaft aus, sogar einen Geburtstag für Franz-Josef Strauß.

Und während seiner fotografischen Reisereportagen, für die er nicht nur fotografiert, sondern auch selbst schreibt, entdeckt er in Spanien seine Liebe zum Olivenöl, sodass er kurzerhand beginnt, es für den Verkauf nach Deutschland zu importieren. Zeitweise wird er sogar Tannenbaum-Verkäufer. Aber das seien alles nur „so kleine Geschichten“.

Wie groß oder klein sie auch sein mögen: Elmar Welge hat sich durch viele Zufälle, durch sein Gespür fürs „Gelegenheit-Ergreifen“ ein spannendes Netzwerk aus Aufgaben und Persönlichkeiten aufgebaut, aus dem sich ein immer größer werdender Anekdotenschatz und ein erfolgreiches Berufsleben speisen. Trotz aller Erfahrungen und Beschäftigungen hat er jedoch nie den roten Faden verloren, den er als Kind aufgenommen hat: „Der Beruf des Fotografen und Journalisten hat mich zeitlebens wachgehalten, gereizt und permanent fasziniert“, sagt er heute. Vielleicht ist es deswegen auch das Fotothema, das Elmar Welges private Umgebung prägt. Die alte Kamera des Vaters, mit der alles begann, steht – genau wie ihre Nachfolgerinnen – liebevoll platziert als Erinnerungsstück in seinem Wohnzimmer.

elmarwelge.de