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Memento – Orte der Erinnerung Sven Fennema

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Abschiede bedeuten den Anfang von Erinnerungen. Das wird in keinem Bereich unseres Lebens so deutlich, wie im Sterben, in unserer Friedhofskultur, die dem Gedenken an Freunde, Verwandte und Partner gewidmet ist. In Gruselfilmen werden diese Orte immer wieder zu Schauerstätten stilisiert. In der Realität – oder zumindest bei Tage betrachtet –  wirken die stillen Gräberanlagen jedoch alles andere als bedrohlich. Denn das, was Friedhöfe ausmacht, liegt schon in ihrem Namen: Friedlichkeit

Ruhe.

Genau diese Friedlichkeit ist es, die den Lost-Places-Fotografen Sven Fennema seit vielen Jahren begeistert und schließlich zu einem Bildband inspiriert hat, der auf den ersten Blick völlig aus dem Rahmen seines sonstigen Portfolios fällt. Zwei Jahre lang, zwischen Lockdowns und Lockerungen, hat er sich ganz der europäischen Friedhofskultur gewidmet. Eine Herausforderung und ein Herzensprojekt zugleich, über das der Krefelder voller Begeisterung spricht: „Es sind sehr inspirierende Orte. Man kann dort runterkommen und rauskommen. Ich habe mich früher in den verschiedensten Randgruppen bewegt. Wir waren viel auf Friedhöfen damals. Weil wir uns nicht in der Mitte der Gesellschaft gesehen haben, haben wir uns etwas gesucht, das nicht gesellschaftskonform ist. Später habe ich mehr und mehr diese Stille und Ruhe zu schätzen gelernt, die dort herrschen.“

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Sven hat vor, das Thema Friedhofs- und Erinnerungskultur noch weiter zu fassen. Als nächstes wird er sich mit den britischen Inseln beschäftigen. 

Die Stille sei für ihn etwas zutiefst Positives und auch ein Grund dafür, dass sich Sven seit Jahren mit viel Geduld und Begeisterung verlassenen Orten in ganz Europa widmet – vom alten Herrenhaus bis hin zu verwaisten Krankenanstalten. Begann Svens vereinzelte fotografische Beschäftigung mit Friedhöfen schon im Jahr 2009 mit einem erstmaligen Besuch des ,Cimitero Monumentale di Staglieno‘ in Genua, kam mit der Pandemie und einer vollkommen durcheinandergewirbelten Jahresplanung ein neuer Impuls in Richtung Friedhofskultur zustande. 

Schönheit.

„Mir wurde bewusst, dass es keinen einzigen großen Bildband über Friedhöfe gibt, und zu meinem Glück hat mein Verlag die Idee unterstützt. Ich fand diese Orte immer wunderschön und wollte dem  Thema mehr Aufmerksamkeit schenken“, erzählt Sven mit Blick auf den schweren Bildband. „Normalerweise bin ich in diesen großen Räumen unterwegs und fotografiere sehr weitwinklig, achte auf Symmetrien. Durch die Friedhofsfotografie habe ich komplett konträr dazu vor allem Details fotografiert. Das war für mich sehr spannend!“

Vielfalt.

Die Lockdowns im Jahr 2020 nutz Sven für Recherchen und Vorbereitungen, lockern sich die Bestimmungen, geht er auf Reisen, die ihn in verschiedene deutsche Städte, aber auch nach Österreich, Belgien, Frankreich, Rumänien, Polen und Italien führen. Dort sammelt er nicht nur hunderte Fotos, sondern auch eine ganze Reihe prägender Eindrücke in der Auseinandersetzung mit Formen des Abschiednehmens und des Erinnerns. 

Während in Deutschland eher natürliche Friedhöfe gepflegt werden, gibt es in Frankreich eher Stein-lastige Grabstätten. In Italien findet er Arkadenfriedhöfe voller Statuen vor. In Rumänien und Belgien werden Gräber mit Bildern der Verstorbenen geziert. „Ein ganz krasser Unterschied besteht auch zwischen jüdischen und christlichen Friedhöfen“, beschreibt Sven. „Während die christlichen Friedhöfe sehr gepflegt sind, ist in der jüdischen Kultur die Totenruhe erhaben. Es gibt die Regel, dass nicht eingegriffen werden darf. Und das merkst du den Gräbern an. Da sieht ein Friedhof aus wie der Garten Eden, die Grabsteine verschwinden in und unter der Natur. Das ist einfach wunderschön und hat mich total bewegt!“ 

Menschlichkeit.

Jede Kultur, so nah sie uns auch sein mag, hat eben ihren ganz eigenen Weg, den Verstorbenen zu gedenken. Und wer wie Sven viel Zeit an den dafür geschaffenen Orten verbringt, beginnt, sich intensiv mit Fragen nach dem eigenen Abschied, dem eigenen Erinnern und Erinnert-Werden auseinanderzusetzen. „Diese Gedanken verdrängt man ja sonst meistens“, sagt Sven und lächelt. „Ich bin in dem Zuge auch mit vielen Leuten ins Gespräch gekommen. In Hannover wurde ich von einer älteren Dame angesprochen, die mit Keksen und Strickzeug auf einer Bank saß und erzählte, dass sie mindestens zwei-, dreimal die Woche da ist, um ihrem verstorbenen Mann alles zu berichten, was so passiert. Gar nicht auf eine traurige Art, sondern einfach aus einem Bedürfnis heraus, egal, wo er jetzt sei, mit ihm zu teilen, was sie erlebe.“

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Geschichte.

Während die Bebilderung des Buchs vor allem durch Zitate, Gedichte und liebevoll formulierte Infotexte des Autors Björn Eenboom, der für seine Mitarbeit an der Rubrik „Die letzten 24 Stunden“ im Magazin ,Cicero‘ bekannt ist, ergänzt wird, hat Sven diesen berührenden zwischenmenschlichen Erlebnissen und den vielen Bildern, die es nicht in den 240-seitigen Band geschafft haben, eine eigene Website gewidmet. Manche Begegnung hat er gemeinsam mit seinen zwei Töchtern erlebt, die ihren Papa bei der einen oder anderen Erkundungsreise begleiten durften. „Es ist schön mitzubekommen, wie Kinder das alles betrachten. Als meine Große eine der prächtigen italienischen Arkadenhallen gesehen hat, sagte sie: ‚Papa guck mal, ein Engel-Park!‘. Das fand ich total cool“, schwärmt Sven mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht. 

Das ist das Schöne an Svens Arbeit ,Memento‘. Zwischen uns liegt kein düsteres Opus über morbide Gräberlandschaften. Es ist ein liebevoller Blick auf die Anmut der Erinnerungskultur, der sich auch in dem Satz spiegelt, der den Leser auf der Rückseite des Buchs verabschiedet: Frei nach Hermann Hesse heißt es da: „Auch jedem Ende wohnt ein Zauber inne.“


orte-der-erinnerung.com

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