Wer sich regelmäßig im Krefelder Kultcafé an der Tannenstraße aufhält, kennt den großen schlanken Mann mit Weste und Hut: Waldo Karpenkiel ist seit mehr als 60 Jahren Krefelder und fast genauso lang Musiker. Für viele ist er „der Typ, der mal mit Helge Schneider Musik gemacht hat“. Wer Waldo kennenlernt, merkt aber schnell, dass dieses Label seinem Träger nicht gerecht wird.
Wir treffen den Musiker in seiner Wohnung im Westen Krefelds. Schon im Flur des Mehrparteienhauses entsteht der Eindruck, dass hier ziemlich nette und vor allem kreative Menschen leben: Am Treppenabsatz hängt ein Körbchen mit Süßigkeiten und einer kleinen Schiefertafel, deren Beschriftung zum Zugreifen auffordert. In Waldo Karpenkiels Altbauwohnung ist es ordentlich und gemütlich: freundliche gelbe Wände, und Holzmöbel lassen den Wohn- und Essraum, in dem wir Platz nehmen, warm erscheinen. Kleine Details zeugen von einem Auge für Schönes und Hochwertiges. Sei es die ordentlich sortierte Hausbar oder die stimmig platzierten dekorativen Vasen auf der Kommode. Auf dem Tisch, den eine orientalisch anmutende Decke ziert, stehen schon Kaffeetassen bereit. Waldo Karpenkiel selbst ist – wie immer – hervorragend angezogen. Nur der charakteristische Hut fehlt, der sonst den buschigen Lockenschopf des 72-Jährigen versteckt. Seit 20 Jahren ist der „Traveller“ ständiger Begleiter des Krefelders – und sein Markenzeichen. Ohne wird er oft gar nicht erkannt.
Obwohl Karpenkiel inzwischen ganz sicher zu den „Krefelder Originalen“ gezählt wird, ist er genau genommen eigentlich gar keins. Geboren wurden er und sein eineiiger Zwillingsbruder in Stadthagen, einer Kleinstadt westlich von Hannover. „Mutter war alleinerziehend und arbeitete in der Textilindustrie. Irgendwann hat sie hier Arbeit angeboten bekommen, Ende der 50er Jahre. Und da sind wir nach Krefeld gezogen: Mutter, Oma und wir zwei Söhne“, erzählt Karpenkiel. Als Zehnjähriger, wohnhaft neben der damals größten Baumwollspinnerei Europas unweit der Gladbacher Straße, lernt er die Seidenstadt vom Südbezirk aus kennen. Um diese Zeit herum muss es auch gewesen sein, dass sich der Schüler ins Schlagzeug verguckte. „Zum Trommeln kam ich so mit zehn, zwölf Jahren. Da war Skiffle-Musik angesagt, aus England. Dann kamen die Beatles, und da war man natürlich infiziert“, beschreibt er und erklärt: „Ringo hat sehr einfach gespielt, aber er hatte, was man Jazz-Feeling nennt. Das hat nichts mit akrobatischer Technik zu tun. Wenn man jünger ist, ist man total technik-infiziert. Aber wenn man älter wird, merkt man: Die Technik ist ein Hilfsmittel für die Musik, die man machen will.“
Technik, so sieht Waldo Karpenkiel es heute, macht höchstens 50 Prozent des guten Spiels aus. Doch natürlich ist sie das Fundament, der Steigerungsfaktor, an dem sich auch der junge Wahlkrefelder orientiert, als er anfängt, auf einer einzelnen ausgeliehenen Trommel seine ersten Rhythmen zu üben. Nur wenige Jahre später gründet der musikinfizierte Jugendliche seine erste Band: The Generals. Angetrieben von musikalischer Begeisterung, beginnt der Autodidakt, Unterricht zu nehmen. Gleichzeitig spielt er weiter in unterschiedlichen Bands wie „Kollektiv“, mit der er 1970 zum ersten Mal auf Tour geht und sogar für den deutschen Schallplattenpreis nominiert wird. 1979 gründet er die Band Supersession, mit der er noch heute – unter anderem Namen und in veränderter Besetzung – musiziert. Im Laufe seines Berufslebens hat er an über 100 Schallplatten- und CD-Produktionen mitgewirkt, und neben dem Bandalltag war der Berufsmusiker über 30 Jahre als Schlagzeug- und Percussion-Lehrer tätig.
In all den Jahren hat Waldo Karpenkiel eine ganze Schatzkiste von Erlebnissen und Eindrücken gesammelt, die er mit seiner tiefen Stimme wunderbar trocken in unterhaltsame Anekdoten verwandelt – von bekannten und unbekannten Menschen, ulkigen Situationen und der Welt der Bühnensuchenden. In der Band Bröselmaschine spielt er als junger Mann zeitweise neben Helge Schneider – ein Fakt, der ihm bis heute wie ein imaginärer Orden angeheftet wird. Für Franz Beckenbauer gibt Waldo Karpenkiel den Geburtstagsmusiker, mit Karl Dall hat der Krefelder mal „in der Kneipe gemuckt“, und sogar dem jungen Dieter Bohlen begegnete er in einer Hamburger Szenekneipe, wo der der Oldenburger – gekleidet in einen rosa Jogginganzug – versuchte, dem alternativen Publikum seine Schlagermusik anzudrehen. „Sie können auch schreiben, dass ich Mutter Teresa die Hand geschüttelt habe, das wär zum Beispiel ´ne Anekdote. Ich hab mal in so ´nem Kirchenmusical mitgespielt, auf einem Kirchentag, da war sie Ehrengast. Das hat noch keiner über mich geschrieben“, fügt Karpenkiel amüsiert hinzu.
Trotz allen Ulks sei das Leben eines Berufsmusikers nicht nur Zuckerschlecken – im Gegenteil. „Wenn man das zehn, zwanzig Jahre lang macht, muss man schon auf seine Gesundheit achten. Wenn man jung ist und auf Tour geht, dann gibt es immer nur Alkohol abends“, erklärt er. „Man muss das Hotelzimmer um zehn Uhr räumen, kommt aber meist erst um drei Uhr ins Bett, dann wieder fünf Stunden fahren mit dem Bus oder so. Deswegen habe ich das nach einer Zeit auch nicht mehr gemacht. Und es kann auch passieren, dass die Musik zur Routine wird. Als Berufsmusiker habe ich oft zu Hobbymusikern gesagt: Du kannst dir den Luxus erlauben, die Musik zu spielen, die du möchtest, wann du sie möchtest, und diese Musik zu lieben. Als Profi ist es schwierig, die Liebe zur Musik aufrechtzuerhalten.“ Waldo Karpenkiel allerdings hat das dank seiner Achtsamkeit über all die Jahre geschafft und steht voll frischer Ideen im Jetzt.
Sein neuestes Projekte ist Krieewelsch durch und durch und spielt mit der Fusion verschiedener musikalischer Genres und gesellschaftlicher Epochen. Die CD „Sauf- und Kacklieder“, die er gemeinsam mit knapp 20 anderen Musikern und Kreativen aufgenommen hat, ist eine Hommage an die Kneipenkultur der Vorkriegs-Seidenstadt. Durch einen Bekannten kam Waldo Karpenkiel schon vor mehr als 20 Jahren in den Besitz verschiedener Textfragmente, die in der Krefelder Kneipenszene gedichtet und auf bekannte Melodien gesungen wurden. Doch erst 2019 entstand aus diesem Konglomerat die konkrete Idee einer Produktion. „Jetzt habe ich mir das Ganze mit Georg Mahr vorgenommen und groovy grundsaniert. Die alten Melodien wollten wir aus dem Kopf rauskriegen und ganz neue Stücke entwickeln“, beschreibt Karpenkiel. Herausgekommen ist eine Melange aus Soul, Jazz, Rap und Volksschlager, die dem modernen Ohr zugänglich ist und den Hörer dank der freischnäuzigen krieewelschen Texte zum Schmunzeln bringt. Da zeigen sich diese „anderen 50 Prozent“ des Spiels, von denen er anfangs sprach: Es geht nicht nur um die Technik, sondern vor allem ums Gefühl. Dann kommt sogar solche Musik an, deren Texte man vielleicht nur bruchstückhaft versteht. Da wird vom Klantes Tött erzählt, der „dä Driet“ von den Straßen putzte, als es noch keine Abwassersysteme gab, von „Krieewelschen Blagen“, die gerne Schnaps trinken, und vom Reiter Pitter, der in Ermangelung eines Pferdes eigentlich gar keiner ist. Das karikatureske Cover-Design der CD stammt aus der Feder des Krefelder Künstlers Jari. Genauso übrigens wie Waldo Karpenkiels bunte Hutstütze mit dem Werktitel „Die Gedanken sind frei“ im Wohnzimmer des Musikers. Ihr hat er sogar ein eigenes kleines Gedicht gewidmet – jetzt, wo die Live-Spiel-Möglichkeiten fehlen, schreibt er gerne. Wenn er nicht Musik macht oder dichtet, liest Waldo Karpenkiel – Biografien vor allem. Menschen interessieren ihn. Seine letzte Lektüre war die Vita von Keith Richards. „Ein sehr reiches Leben hat der Typ gehabt“, findet der bescheidene Krefelder. Und wenn man ihm so zuhört, will man sagen: Sie aber auch, Herr Karpenkiel!
Die „Sauf- und Kacklieder“ können via Mail bestellt werden: waldo.karpenkiel@online.de, info@der-andere-buchladen-krefeld.de oder info@jazzkeller.info
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