Zeig mir deine Wohnung, und ich sage dir, wer du bist. So plump dieser Spruch scheinen mag, den Einrichtungsseiten gerne für küchenpsychologische Blogbeiträge nutzen, ist es doch unbestreitbar so, dass wir Menschen eine besondere Neugier für die Wohnumgebungen anderer empfinden und daraus Erkenntnisse über deren Wesen abzuleiten versuchen. Auch bei Kommunikationsdesigner und Illustrator Chris Hillus gibt es eine ganze Menge zu entdecken: Manches erzählt den Designer, anderes den Privatmenschen. Obwohl das so klar eigentlich gar nicht trennbar ist. Ein Porträt in Dingen.
Espresso – Die kleinen Belohnungen
Unser Termin beginnt in der ordentlichen, hellen Küche seiner Uerdinger Altbauwohnung. Hier fällt sofort die blitzblank geputzte Espressomaschine ins Auge, die Chris‘ Instagram-Followern sehr regelmäßig begegnet. In den Sozialen Medien teilt der Designer und Illustrator nicht nur die Früchte seiner kreative Schaffenskraft, sondern auch seine Begeisterung für gutes Essen und guten Kaffee – allem voran den heißgeliebten Espresso. Da Chris ständig neue Ideen kommen und sein Tag gut und gerne 72 Stunden haben könnte, legt er großen Wert auf bewusste Pausen und kleine Belohnungen. Auch, weil er sich neben der täglichen Arbeit immer wieder selbst herausfordert. Und auch das teilt Chris gerne mit seinen Followern. Mal probiert er, wie es ist, um 5 Uhr morgens aufzustehen, mal testet er einen neuen Sport. Aktuell hat er sich die Herausforderung gestellt, in diesem Jahr 250 Zeichnungen zu schaffen. „Ich denke, wenn ich mir Challenges setze und das poste, dass das vielleicht auch jemand anderen inspiriert, selbst etwas anzugehen, das ihm wichtig ist. Du musst natürlich was Positives damit verknüpfen“, erzählt er, während er uns gerade liebevoll ein Beispiel seiner Barista-Künste zubereitet. „Wenn du mir von einer Idee erzählst, wirst du von mir ganz selten hören: ‚Mach das nicht‘. Ich versuche im Gegenteil immer sofort, mitzudenken, wie man die Idee umsetzen könnte und würde Fragen stellen, die dich der Umsetzung näherbringen. Weil ich es so geil finde, wenn Leute etwas Neues machen!“
Mickey Mouse – Die ersten Zeichnungen
In der Küchendurchreiche lehnt eine alte Mickey Mouse-Stofffigur. Damit hat für Chris der Weg zum Designer angefangen. Ja, auch er könne die typische „Ich hab als Kind schon gerne…“-Story erzählen, gibt er lachend zu: „Ich hab wirklich als Kind schon viel gemalt und das positive Feedback, was ich bekommen habe, sehr ernst genommen. Also habe ich immer mehr gemalt und ausprobiert. Gerade unsere Oma hat viel Wert darauf gelegt, uns als Kinder wertzuschätzen. Ihre kleine Küche in einem Düsseldorfer Hochhaus war voll mit Bildern von meinem Bruder und mir.“
Die kindertypischen Strichmännchen werden irgendwann von Donald Duck und Mickey Mouse-Zeichnungen abgelöst. Für „Zwei Mark Vierzig“ kauft sich Chris Comichefte und zeichnet sie ab und in der Schule wird der Kunstunterricht sein inoffizielles Leistungsfach.
Nach Grund- und Realschule geht es auf die Fachoberschule für Gestaltung in Düsseldorf. Die Großmutter hatte damals schon den richtigen Riecher. „Sie hat immer gesagt: ‚Der Christoph geht bestimmt mal in die Werbung. Und ich dachte als Kind: ‚Dann bin ich im Fernsehen und hab ´ne Tüte Chips oder Eis in der Hand und sage, dass ich das ganz toll finde‘. Dass sie das gar nicht meinte, habe ich erst später verstanden“, erzählt er amüsiert. Während seine Großmutter schon damals im zeichnerischen Talent ihres Enkels eine Zukunft sieht, braucht Chris noch ein Weilchen, bis er weiß, was er will.
Als er sich irgendwann fürs Design entscheidet, beginnt er an der Hochschule Niederrhein Kommunikationsdesign zu studieren. Hier lernt er eine Maxime, die seine ganze Sicht aufs eigene Gestalten ändert: Alles ist Kommunikation. „Wenn du wirklich begreifst, dass jede Mail, jedes Verkehrsschild, jeder Flyer, Kommunikation ist und du das ganz bewusst gestalten kannst, hast du etwas gelernt, was du wahnsinnig vielseitig nutzen kannst. In Magazinen, in Unternehmen, im Museum, in Agenturen…“, beschreibt Chris und malt mit den Händen mit, was er meint.
„Wenn du wirklich begreifst, dass jede Mail, jedes Verkehrsschild, jeder Flyer, Kommunikation ist und du das ganz bewusst gestalten kannst, hast du etwas gelernt, was du wahnsinnig vielseitig nutzen kannst.“
Richard Branson – Inspiration
Mit den frischen Espressi setzen wir uns an Chris´ liebsten Arbeitsplatz: einen großen, alten Holztisch im offenen Wohn- und Arbeitsraum. Von einer der Wände strahlt Richard Branson aus einem Bilderrahmen zu uns herunter. „I don’t think of work as work and play as play. It’s all living“, hat der Londoner Unternehmer mal gesagt. Und noch viele weitere kluge Dinge übers Arbeiten, Lernen und Leben. Chris lässt sich gerne von anderen inspirieren, wenn die etwas entwickelt haben oder für etwas stehen, das er für seine eigene Entwicklung nutzen kann. Branson gehört dazu. „Den finde ich gut, von dem habe ich auch einiges mitgenommen“, kommentiert Chris das Bild des Virgin-Gründers an seiner Wand. Zum Beispiel, dass Arbeit und Leben eins sein können. Aber auch, dass das nur gelingt, wenn jedes Thema, jedes Ding, seinen eigenen Raum und Fokus bekommt. Der möglichst tägliche Spaziergang am Rhein, der Lunch mit Freunden, ebenso wie die Entwicklung von Botschaften und Bildern an Block oder Mac. „Ich habe ganz selten das Gefühl, dass ich das, was ich mache, nicht machen will. Außer bei der Buchhaltung vielleicht“, sagt Chris und zwinkert. Berufliche und persönliche Erfüllung sind für ihn in logischer Konsequenz auch nicht trennbar, sondern Bedingung füreinander. Vermutlich liegt auch darin die Quelle seiner Produktivität und nicht versiegenden Ideen.
Das Skizzenbuch – Die ersten Entwürfe
Chris Hillus ist ein ungemein „wacher“ Mensch. Wer mit ihm spricht, wird immer wieder von neuen Gedanken und Impulsen überrascht. Sein aufmerksames und interessiertes Wesen, gepaart mit der nötigen analytischen Schärfe und Weitsicht, hilft ihm auch dabei, in seinen Kunden Dinge zu sehen, derer sie sich selbst nicht bewusst sind. Oft ermutigt er sie, mal etwas ganz Neues auszuprobieren und hilft ihnen so, sich von der Masse abzuheben.
Dem lebensrettenden Automatischen Elektronischen Defibrillator AED zum Beispiel hat Chris mithilfe einer Infokampagne zu größerer Bekanntheit und Verbreitung in Krefeld verholfen. Für eine kieferorthopädische Praxis hat er jüngst eine ungewöhnliche wie sympathische CI entworfen: In dunklem Blau und sattem Gelb zeigen Einhörner, Drachen und Schafe als Botschafter der Mundgesundheit ihre bezahnspangten Zähne. Und einem neuen Krefelder Lieferservice namens Küchenschlacht (auch in dieser Ausgabe, siehe S. 26), hat er als Logo und Maskottchen einen frechen, kleinen Koch gezaubert, der mit Veilchen und breitem Grinsen für den hochwertigen Genuss zu Hause wirbt. Viele dieser Ideen fangen als analoger Entwurf in seinem Skizzenbuch an, das nebst Tusche, Papierblöcken und Kleckerunterlage auf seinem Tisch bereitliegt.
Yorick – Was macht der denn hier?
Auf einem Regal hinter dem großen Schreibtisch im Nachbarzimmer steht, neben vielen bunten Bildern, von denen es in dieser Wohnung ohnehin nur so wimmelt, ein Totenkopf und schaut uns an. Unwillkürlich denkt man an Hamlet, der den toten Narren Yorick betrauert. Chris‘ makabre Seite? Ein Halloween-Überbleibsel? „Den habe ich mir tatsächlich mal gekauft, um Schädelanatomie zeichnen zu üben. Routinen sind wichtig, um produktiv und sicher zu bleiben“, erklärt Chris. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass ganz viel Glück im Tun liegt.“ Deshalb habe er heute auch keine Angst mehr vor falschen Strichen. Vielmehr habe er gelernt, Fehlerchen für sich zu nutzen. Fast alle Zeichnungen bringt er zu Ende, auch wenn zwischendurch etwas schiefgeht. Eine Illustration, die in seinem Wohnzimmer hängt, zeigt beispielsweise einen grünen Jeep mit starkem Schattenwurf. Der Schatten war mal ein Tuscheklecks. Wenn man es nicht wüsste, würde es niemals auffallen.
Man kann einiges lernen von Chris Hillus. Dass es sich lohnt, Neues auszuprobieren. Dass Kreativität auch Routine braucht. Dass aus vermeintlichen Fehlern oft noch was Gutes werden kann. Und dass es sich oft lohnt, Träume nicht nur Träume sein zu lassen. Je länger man mit ihm spricht, desto mehr drängt sich die Frage auf: Was würde dieser kreative Mensch wohl mit Krefeld anstellen, wenn er dürfte? Gut, seien wir bescheiden, sprechen wir von einer Sache. Chris weiß direkt eine Antwort: „Der Kran am Rhein! Da würde ich ein Café reinmachen, und von da aus könnte man auf den Fluss gucken. Das fänd ich geil!“ Und wie sollte es anders sein: Auch den Kran hat Chris vor wenigen Tagen erst beim Spazierengehen gezeichnet…
Instagram @chrishillus
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