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Stephan Beek Wertschätzung leben

Stephan Beek

Das Wort ‚Unicum‘ bezeichnet ein besonderes Ding, benennt aber ebenso eine einzigartige Person, einen Lebenskünstler, ein ‚Original‘. Stephan Beek ist ein solches Unicum und arbeitet inmitten von Unica. Die meisten Menschen würden sagen, der 55-Jährige sitze in seiner verwinkelten Werkstatt einfach nur zwischen alten Möbeln, nichts weiter. Aber Stephans Augen sehen mehr als altes Holz und abgeblätterten Lack. Ihn umgeben Persönlichkeiten, Geschichten und Energien, die viele – zumindest auf den ersten Blick – nicht wahrnehmen.

Ein Unicum kann ein besonderes, seltenes Möbelstück oder ein solcher Gegenstand sein. Das Wort bezeichnet aber auch eine einzigartige Person.

Der andere Blick: Die Seele der Dinge

„Ich finde, die Dinge haben eine Seele, und das alles erzählt eine Geschichte. Man könnte sagen, dass die Menschen heute seelenlos leben, wenn sie einfach nur das bestellen, was ihnen vorgeschlagen wird, was im Trend ist. Trend interessiert mich nicht“, sagt Stephan und bewegt sich routiniert durch seinen engen Empfangsbereich voller kleiner Details hinein in den danebengelegenen Showroom.

Verschiedene alte Möbelstücke und Accessoires stehen hier, gruppiert zu stimmigen kleinen Gesamtkonzepten zwischen 1920er- und 1970er-Jahre-Stil, an den Wänden passende Bilder des Krefelder Fotografen Oliver Brachat. Ein kleiner Stuhl, vermutlich aus den 30ern, scheint uns aus seinem Rahmen heraus beinahe anzuschauen, so klar und schlicht hat Brachat ihn porträtiert. Unweigerlich muss man an die Arbeiten des in die USA emigrierten deutschen Editorial-Fotografen Tom Schierlitz denken. Das Bild lässt uns ein Stück weit durch Stephans Augen blicken, das erkennen, was er auch ohne inszenatorische Hilfe in den alten Möbeln sieht.

Derselbe Stuhl steht wenige Meter weiter in einer der hergerichteten Showroom-Ecken. Der hat schon irgendwie etwas von einem alten Bekannten – einem wortwitzigen Onkel, der nach außen hin Pragmatiker, im Inneren aber doch ein unkonventioneller Kerl mit kreativer Ader ist.

Stephan Beek_Unicum
In seinem kleinen Showroom hat Stephan Verschiedene alte Möbelstücke und Accessoires zu stimmigen kleinen Gesamtkonzepten zwischen 1920er- und 1970er-Jahre-Stil gruppiert, an den Wänden passende Bilder des Krefelder Fotografen Oliver Brachat.

„Ich habe echt gegrübelt: Wie kriegt man es hin, dass die Leute verstehen, dass dieser Stuhl schön ist, wie er ist, dass er ein Recht hat, weiterzuleben? Deshalb habe ich mit Oliver Brachat diese Bilder gemacht, um zu zeigen, dass diese Dinge alle eine Persönlichkeit haben“, sagt Stephan und schaut den kleinen Hocker nachdenklich an. „Alles, was ich mache, mache ich eigentlich aus Verzweiflung. Weil ich merke, dass unsere Werte abhandenkommen, dass wir alles wegwerfen. Und ich kämpfe vehement dagegen an. Das ist meine Aufgabe. Warum auch immer, ich muss das machen.“

„Ich merke, dass unsere Werte abhandenkommen, dass wir alles wegwerfen. Und ich kämpfe vehement dagegen an. Das ist meine Aufgabe. Warum auch immer, ich muss das machen.“

Stephan Beek

Man bekommt das Gefühl, wenn er über seine Möbel spricht, spricht der Krefelder gleichzeitig auch über Menschen. Dass die Pflege, die Wertschätzung, die Erneuerung dieser Dinge eigentlich genau das ist, was er auch der Gesellschaft, seiner Stadt, seinem Umfeld wünscht: Wahrhaftigkeit, Nachhaltigkeit. Vielleicht hier und da ein neuer Anstrich. Ein Eindruck, den er bald im weiteren Gespräch bestätigen wird.

Stephans Werkstatt: Ein Panoptikum und Gedankenspeicher

Seit 30 Jahren ist der Krefelder, den man immer mit einer seiner typischen Mützen antrifft, nun schon als Restaurator für Holzobjekte tätig. Auf seinem beruflichen Weg hat er diverse Stationen gemacht. Einst arbeitete er für das Museum Burg Linn, mal in Berlin, später eine Zeit lag in Ecuador. Spanischsprachige Länder haben es ihm ohnehin angetan. Das Lebensgefühl dort, die Kultur, dieses Unbeschwerte, Gastfreundliche, das gefalle ihm, sagt er und lächelt. Er legt ein Album von „Gotan Project“ in den CD-Player. Das macht er gerne, wenn er arbeitet: Musik hören. Dazu gibt es gekühlten Crodino, eine kleine Aufmerksamkeit der Nachbarin.

Elektro-Tango im Ohr, bewegen wir uns gemeinsam weiter durch Stephans Gedanken, die manchmal förmlich aus ihm herauszufließen scheinen. Während er sich liebevoll um die Reparatur der ihm anvertrauten Möbel kümmert, hat er viel Zeit zum Nachdenken. Er klopft auf ein altes Notizbuch auf seiner Werkbank. „Hier schreibe ich immer was rein, da steht alles drin“, erzählt Stephan lächelnd. Eine ganze Reihe solcher Notizhefte hat er schon gefüllt, manches sogar in Gedichtform notiert.

Unicum Krefeld
Stephans Werkstatt – so vollgestopft mit Werkzeug, Hölzern, Schleifpapier, Ölen und Möbeln sie auch sein mag – strahlt eine ungemeine Ruhe aus.

Die Natur, unsere Gesellschaft, zwischenmenschliche Verbindungen über die Nationen und Kontinente hinweg, Bildung und Selbstentfaltung – das sind die großen Dinge, mit denen Stephan sich beschäftigt. Im Kleinen, Lokalen versucht er, sich in ihrem Sinne zu engagieren mit dem, was er kann und gerne tut. „Um Werte zu retten, sehe ich für mich zwei Möglichkeiten: Zum einen, Sachen zu restaurieren und konservieren. Und, was ich jetzt noch zusätzlich tue, ist, den Dialog zu suchen, mit den Leuten“, erklärt er mit seiner leisen, leicht rauen Stimme. „Wir müssen immer funktionieren. Die Leute sind in ihrem Hamsterrad drin. Aber ich glaube, dass durch dieses Funktionieren Dinge übersehen werden und verloren gehen. Damit wir was bewegen können, bräuchte jeder von uns noch ein bisschen Zeit ‚über‘. Wir kreieren ja jetzt das Morgen. Es gibt einen Spruch, den ich sehr mag: ‚Die beste Art, die Zukunft vorauszusagen ist, sie selbst zu gestalten‘.“

Wertschätzung leben – nachhaltig und zwischenmenschlich

Stephan hat seine Schaffenskraft der Nachhaltigkeit und der Zwischenmenschlichkeit verschrieben. Mit dem, was er tut, will er seinen eigenen kleinen Teil der Welt schöner gestalten. Nicht nur seine analoge Arbeit in der Werkstatt geht er deshalb als kreatives Projekt an. Auch Facebook als soziales Medium ist für ihn ein künstlerisches Experiment. Er wolle dort, während überall Hasskommentare und Genörgel zu lesen sind, einfach nur Gutes verbreiten, insbesondere seine direkten Krefelder Mitbürger mit positiven Dingen durchströmen und damit vielleicht dazu beitragen, ihre Perspektive zu verändern, verrät er: „Ich bin ein großer Krefeld-Fan, ich liebe meine Stadt und ihre Bewohner. Ich wünsche mir nur noch mehr Zusammenarbeit, lokales Denken und Handeln. Wir brauchen eine positive, kreative Möglichkeit, Menschen von Alternativen zu überzeugen. Alles, was gut ist in unserer Stadt und diejenigen, die sich dafür einsetzen, müssen wir zusammenführen, damit neue Möglichkeiten entstehen…“

Stephan Beek
Während seiner Arbeit hat Stephan viel Zeit, sich mit wichtigen Fragen des Lebens zu befassen. Vieles, was ihn beschäftigt, findet seinen Weg in Notizbücher.

So mit Stephan ins Gespräch vertieft, vergisst man schnell, dass man hier eigentlich einem Restaurator gegenübersitzt. Die vorbereiteten Fragen nach Stilepochen, Holzarten und Bearbeitungstechniken weichen der Neugier für die vielen Gedanken, Wünsche und Ideen, von denen er an diesem Tag einige geteilt hat, die ihm besonders am Herzen liegen. Und deshalb geht es in diesem Artikel auch nicht allein um Möbel, sondern um Wertschätzung und Offenheit. Wertschätzung für das, was wir besitzen, für die Natur, die uns umgibt und die Menschen, mit denen wir zusammenleben dürfen. Im Grunde hängen sie untrennbar miteinander zusammen. Wer sich öffnet, andere anzunehmen und trotz ihrer Makel zu lieben, der kann so auch einfacher sich selbst schätzen und das, was er hat. Man muss sich nur ab und zu einen Moment der Achtsamkeit nehmen, bewusst die Augen öffnen – und siehe da: ein Unicum.


Unicum – Stephan Beek
Scharfstraße 17, 47805 Krefeld
unicum-krefeld.de

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